Weil ich es genau wissen will, fülle ich sie mit heißem Salzwasser und lasse sie eine Weile stehen. Das Wasser wird braun, und ich schleppe die Tasse bloß noch mit, um sie den Leuten im Laden, wo ich sie gekauft habe, zu zeigen.
Während wir zu abend essen, kommt eine junge Frau vorbei und kassiert die Platz- und Gasnutzungsgebühr von 10 FF. Später am Abend sitzen wir mit einem Paar aus Nürnberg zusammen, daß die Tour von Nord nach Süd gemacht hat, und köpfen die Flasche Wein, die Thomas im Schweiße seines Angesichts und zu unserer jetzigen Freude hochgeschleppt hat. So erfahren wir den neuesten Hüttentratsch, d.h. was sich alles gegenüber dem Velbinger (den sie natürlich auch haben) geändert hat. Die Nacht ist dann, wie nicht anders zu erwarten, kurz und ereignislos.
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Morgens stelle ich fest, daß ich mir die kleinen Zehen so malträtiert habe, daß ich kaum die Schuhe anziehen kann. Wir haben eh nur eine kurze Etappe von etwa 2 1/2 Stunden vor uns und bleiben den Morgen da. Die Zeit vertreiben wir uns mit Dauerskat, und um 14.00 ist Abmarsch mit dünnen Frotteesocken und _ohne_ Pflaster kann ich einigermaßen laufen.
Die Etappe ist zwar kurz, geht aber über Berg und Tal und Stock und Stein und ist stellenweise fast alpin. Mitunter ist es nützlich, schwindelfrei zu sein (ich bin's weitgehend). Die Wegführung hat sich gegenüber Velbinger und Karte etwas geändert, aber wir erreichen Col de Bavella, einen kleinen Ort an einer Paßstraße, leicht bis 17.20. Ein Blick in das dortige Geschäft zeigt 'Boissons frais': sofort wird zugeschlagen; wir kaufen Lebensmittel für drei Tage.
Es gibt im Ort keinen Campingplatz und die Übernachtung in der Auberge kostet für Rucksackler den Extrasonderpreis von nur 160 FF, aber ein Kneipier hat nichts dagegen, wenn wir hinter seinem Etablissement (neben der Güllegrube) zelten, jedenfalls sagt uns das eine junge Frau aus der Küche, die sogar Deutsch spricht. Nachdem wir dort unser Zelt aufgeschlagen haben und beim Essen sind, klärt uns eine andere Frau auf, daß es sich hier um einen Nationalpark handelt, die Grundstücke mitnichten Privateigentum sind und somit das allgemeine Campingverbot auf Korsika Gültigkeit hat. Selbst die Häuser der Ortsbewohner werden bloß geduldet. Sie verweist uns aber sehr freundlich auf den Platz um die alte Kapelle, wo Campieren toleriert wird. Uns ist es eigentlich recht, denn die Güllegrube ist ein unangenehmer Nachbar.
Wir ziehen also um zur Kapelle, bauen auf und legen uns hin, nachdem wir vorher noch einem Italiener unseren Korkenzieher (an Thomas' Schweizer Taschenmesser) geliehen haben und dafür einen Schluck Wein eingeheimst haben. Eine Kuh bimmelt uns aus nächster Nähe in den Schlaf. Ich stopfe mir was in die Ohren; andere haben da scheinbar größere Probleme damit. Selbst durch die Stopfen höre ich, wie andere Jagd auf die Kuh machen.
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Wir stehen gegen 06.15 auf, kämpfen eine Weile gegen die Faulheit, bauen das Zelt ab und frühstücken. Das Gegenteil davon ist schon schwieriger, weil im weiten Umkreis überall Zelte und Schlafsäcke mit Inhalt rumliegen, aber mit etwas Geduld und etwas Wagemut ist es zu schaffen. Während wir am Packen sind und gerade noch die letzten paar Sachen in die Rucksäcke stopfen, kreuzen zwei Gendarme auf. Sie stehen am ersten Zelt, reden mit den (desinteressierten) Zeltinsassen und scheinen etwas zu schreiben. Weil Polizisten nichts umsonst schreiben, leiten wir den beschleunigten Rückzug ein; mittlerweile ist es 08.15, und es ist zu verstehen, daß um diese Zeit niemand mehr an diesem Ausflugsziel rumliegen sollte, der die Andacht des Ortes stören könnte. Die gleichen Gendarmen haben uns sogar nachher an einem Kiosk freundlich gegrüßt; wir haben uns scheinbar mit unserem frühen Abmarsch an ungeschriebene Regeln gehalten.
Am Dorfbrunnen ergänzen wir unsere Wasservorräte. Ein weiterer Besuch in dem kleinen Laden macht klar, daß es hier keinen Brennspiritus zu kaufen gibt; nicht, daß uns der schon ausgegangen wäre, die Suche danach ist rein informeller Natur, denn auf solche kleinen Läden werden wir noch öfter treffen.
Hier noch einmal Col de Bavella in Kurzform: in der Auberge Übernachtung mit Frühstück für 160 FF. Im Laden kostet eine 1,5l-Flasche Limo/Cola/sonstwas 15 FF und ist gekühlt; auch ansonsten gibt es in dem Laden eine Menge Eß- und Trinkbares. Beim Wildcampen an der Kapelle sollte man sich einen etwas von der Straße entfernten Platz suchen und bis 08.00 verschwinden. Der Brunnen im Ort liefert gutes Trinkwasser. Busse fahren 1x am Tag Richtung Porto Vecchio (abends um 18.30) und Ajaccio (morgens um 08.00).
So gegen 09.00 nehmen wir die heutige Etappe in Angriff. Der Weg geht vom Col de Bavella aus erst mal so 200Hm bergab und erweist sich als recht beschwerlich, da recht grobes Geröll einen dazu zwingt, große Stufen (bis Kniehöhe) zu nehmen. Dann allerdings beginnt der Weg, sehr langsam und sehr viel glatter anzusteigen, und erfreulicherweise (erfreulich trotz unserer großen Vorräte) finden wir alle paar hundert Meter Wasser, das man gut trinken kann. Wir nehmen es vor allem zum Befeuchten unserer Kopfbedeckungen, denn die Sonne beginnt allmählich mit der alltäglichen Marter. Bis 12.00 steigen wir, nun deutlich steiler, bis auf etwa 1250m bergan, wo wir im Schatten einiger Bäume erst einmal Siesta halten, bis die gröbste Mittagshitze vorbei ist.
Wir erreichen die Bergerie (Schäferei) d'Asinao gegen 17.00; sie ist verlassen. Insgeheim hatten wir gehofft, hier Käse kaufen zu können, aber dafür ist es wohl schon ein bißchen spät im Jahr. Wir steigen gleich noch die 100Hm höher zur Refuge d'Asinao hinauf, wo wir die heutige Etappe beenden. Gute Zeltplätze sind keine mehr frei; wir beschließen, einmal das Übernachtungsangebot einer Refuge auszuprobieren. Eine solche Refuge hat neben den Räumlichkeiten des Gardien zwei gar nicht allzu große Räume, von denen der eine ein Aufenthaltsraum mit Tischen, Bänken und Gaskochern und der andere ein zweistöckiges Matratzenlager ist. Die Übernachtung samt Gasbenutzung kostet 40 FF. Diese auf 1540m liegende Hütte bietet im Bedarfsfall (also an fast allen Tagen zur Hochsaison im Sommer) bis zu 35 Personen Platz.
Der Weg von Col de Bavella zur Refuge d'Asinao war nicht gerade leicht, aber wir haben ihn uns durch unsere Unwissenheit auch unnötig schwer gemacht: wir schleppten mehr als 8 Liter Wasser in der Gegend herum, dabei gab's das am Weg wirklich reichlich. 1 Liter pro Person hätte sicherlich ausgereicht, aber gebranntes Kind scheut halt das Feuer.
Gegen Abend kreuzt doch tatsächlich jemand mit dem idealen Transportmittel auf: zwei Eseln. Vermutlich versorgt er den Gardien, der übrigens so ziemlich alle Sprachen zu sprechen scheint: Deutsch und Englisch sind neben Französisch, Italienisch und Korsisch die Sprachen, in denen ich ihn innerhalb kurzer Zeit reden höre (na ja, zumindest für 'hallo' hat es gereicht).
Hier treffen wir zum ersten mal auf eine Gruppe, die uns noch längere Zeit auf den Fersen bleiben wird. Sie besteht aus einem (wie uns scheint) französischen Paar, einem weiteren männlichen Begleiter (mit blondem Haar und Gitarre) sowie einem älteren, dunkelhaarigen und einem jüngeren, blonden Mädchen. Die Mädchen sprechen untereinander ein schauderhaft schnelles und undeutliches Englisch; auch mit dem Blonden unterhalten sie sich meist auf Englisch. Zusätzlich können sie aber auch noch recht gut Französisch.
Wenn an dieser Gruppe etwas auffällig ist, dann daß das blonde Mädchen schier ohne Pause am Quasseln ist. Außerdem ist es eine feine Sache, jemanden (nämlich den Blonden) Gitarre spielen zu hören; es verleiht dem Hüttenleben ein wenig Romantik.
Daß die Hüttenschlaferei nicht das Gelbe vom Ei ist, habe ich mir schon vorher ausgerechnet, denn bei mehr als 30 Leuten in einem Raum dreht sich spätestens alle Minute jemand um, und rein statistisch sind garantiert drei Schnarcher dabei. Schon nach etwa einer halben Stunde auf dem überfüllten Matratzenlager, auf dem man sich kaum rühren kann, finde ich meine Befürchtungen bestätigt: es raschelt in einem fort, und geschnarcht wird a capella. Irgendwann muß ich dann aber doch eingeschlafen sein.
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Wir stehen zwangsläufig recht früh auf, denn die anderen tun das auch, und natürlich ist trotz aller Rücksichtnahme kaum mehr an Schlaf zu denken, wenn nebenan gefrühstückt wird. Wir schließen uns dem allgemeinen Gefuttere an und brechen gegen 08.00 auf. Als wir nach etwas über drei Stunden am Gipfelkreuz des 2134m hohen Incudine stehen, wissen wir, was wir geschafft haben: 550Hm auf ungefähr 800m horizontaler Strecke! Bei uns zuhause nennt man das 'die gladdisch Wand nuff'. Dann noch weitere 150Hm bequemer Anstieg, und wir werden für die derbe Strapaze mit trotz dunstiger Luft guter Aussicht belohnt.
Am Gipfelkreuz hisst Thomas eines seiner T-Shirts als Flagge; die dahinter steckende Symbolik ist die, daß es sich um ein Kurs-T-Shirt seines Erdkunde-Leistungskurses aus der Schulzeit handelt und er das Bild seinem damaligen Lehrer als Rätsel und Postkarte zugleich von zuhause aus zuschicken will. Mal sehen, ob er herausfindet, wer ihm das Bild zugespielt hat, und wo es aufgenommen wurde.
Auf dieser höchsten Erhebung weit und breit findet sich auch noch ein Relais der Feuerwehr und Bergrettung. Solche Relais gibt es auf Korsika massenhaft; sie werden mit Solarenergie und Akkus betrieben und ermöglichen erst die Funk-Kommunikation auf der buckligen Insel.
Nach einiger Zeit holt uns unser Schatten in Form der französisch-englischen Gruppe ein, und natürlich ist die Blonde wieder am Quasseln. Ich weiß nicht mehr genau, wann wir den Spitznamen geprägt haben, aber spätestens ab dort nennen wir sie bloß noch 'das Radio'. Der Blonde war der Gruppe vorangeeilt und hielt bei unserer Ankunft sein Nickerchen unter dem Gipfelkreuz. Ein Paar (sic) Berliner machen das obligatorische Gipfelfoto von uns.
1 1/2 Stunden später steigen wir auf der anderen, etwas flacheren Seite des Incudine wieder einige hundert Meter ab bis zur ehemaligen (weil bis auf die Fundamente zerstörten) Refuge Pedinielli. Der Velbinger klärt uns hierzu auf, daß die Verwaltung des PNRC (Parc Naturel Régional de la Corse) die Hütte nicht mehr aufbaut, weil es 'aufgrund gewisser soziologischer Eigenheiten der umliegenden Bevölkerung' keinen Sinn machen würde (sprich: sie würde wieder abgefackelt werden, warum auch immer).
Weil hier die nächste Quelle einige hundert Meter weit weg ist (und noch dazu 50Hm den Berg rauf), gehen wir noch eine halbe Stunde weiter bis zu einer Hängebrücke über einen Bach, wo jemand einen kleinen Verkaufsstand aufgeschlagen hat. Natürlich ist er teuer, und das Sortiment ist - vorsichtig ausgedrückt - sehr beschränkt (um nicht zu sagen: geradezu lächerlich klein). Hundert Meter weiter lassen wir uns nieder, und die Show beginnt.
Wir kochen uns was zu essen (natürlich Reis), und kaum haben wir was auf dem Teller, kreuzt ein Rudel von genau 12 wilden Hausschweinen auf. Sie schnüffeln mit ihren steckdosenartigen Rüsseln in der Gegend rum, und ihnen kann natürlich nicht entgehen, daß wir da was Eßbares haben. |
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