Es gelingt uns jedoch leicht, die eigentlich schon etwas scheuen Tiere auf Distanz zu halten; enttäuscht über unsere ablehnende Haltung vergnügen sie sich an einer alten Feuerstelle einige Meter weiter. Man glaubt es kaum: sie kauen genüßlich die Holzkohle! Irgendwann haben sie auch davon genug und trotten zu einer etwa 50m entfernten matschigen Stelle, wo sie in der Gegend rumsauen. Schließlich sind sie weg - aber nicht lange, denn der Köter des Budenbesitzers nebst zwei Komplizen scheucht sie wieder auf, und zusammen treiben sie sie wieder in unsere Richtung. So geht das ungefähr vier Stunden lang: die Schweine verziehen sich, und die Tölen stöbern sie wieder auf. Um 18.00 haben wir die Faxen dick; wir gehen den etwa 1,5km und 150Hm weiten Weg zur ehemaligen Refuge Pedinielli zurück ---- um dort vom Regen in die Traufe zu kommen!
Hier hat sich nämlich in der Zwischenzeit eine Halbhundertschaft Halbstarker (es scheint sich um eine oder zwei Schulklassen zu handeln, die Kids sind so 11-15 Jahre alt) niedergelassen (natürlich auf allen brauchbaren Zeltplätzen)! Wir ärgern uns gründlich, dann stellen wir unser Zelt auf eine ackerartige (na gut, halt nicht ganz ebene) Fläche. Ein gerade ankommender Italiener ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse scheint uns nach der Lösung für das Zwergenproblem zu fragen; auf Verdacht schicken wir ihn zu den Schweinen und haben ihm damit bestimmt einen Gefallen getan. Markus und Thomas gehen zur Quelle, um Wasser herzuschaffen.
Währenddessen kann ich beobachten, wie die Raubtierfütterung beginnt, und ich habe das zweifelhafte Vergnügen (während ich dies schreibe), Waggesknirpsen zuzuhören bei der Klärung der weltbewegenden Frage, ob man die Milch vom Gas holen muß oder nicht, bevor man den Flockenpüree einrührt. Die 'Für'-Sprecher gewinnen. Ich bin mal gespannt, wieviel Abfall morgen hier rumliegen wird.
Dem Zauber nach, den die Zwerge veranstalten, sind sie heute höchstens fünf Kilometer gelaufen - in Turnschuhen und mit leichtem Gepäck; das heißt, die Bergwelt Korsikas wird sie nicht allzu lange ertragen müssen. Ich fühle mich ein bißchen wie Henry Wilt, der 'Held' meiner Ferienlektüre, der der Ignoranz der Welt im Speziellen und der Menschheit im Allgemeinen den Kampf mit ungewöhnlichen Mitteln angesagt hat, und ertappe mich ehrlich bei Gedanken, wie ich denen die Hölle so heiß wie sie uns machen könnte. Das Zwergengeschrei hallt hundertfach von den umliegenden Bergen zurück; man glaubt kaum, wieviel die plärren müssen, um an ein Stück Schokolade zu kommen.
Als wir hier ankamen, meinte Thomas, daß jetzt eigentlich nur noch ein Flugzeug hier abstürzen müßte, und der Tag wäre perfekt. Gerade kommt eins vorbei, aber es bleibt lieber oben, als hier zwischen die Blagen zu fallen, und ich kann es ihm wirklich nicht übelnehmen. Ich beschließe, nächstes Jahr nach Mallorca zu fliegen, da ist es bestimmt ruhiger.
Bitte, lieber Leser, glaube mir, ich hätte lieber etwas vom Zauber der mich umgebenden Berge, vom Reiz der rasch abwechselnden Landschaft (von alpin bis mitteleuropäisch bewaldet) und vom Rot der im Westen untergehenden Abendsonne geschrieben, aber heute ist mir nicht mehr danach, und ich lege deprimiert den Schreibblock weg.
Hah! Nur, um ihn gegen 20.30 wieder in die Hand nehmen zu müssen, denn gerade beginnen die Blagen damit, Korsika in Brand zu stecken! Überall im Landesinnern ist offenes Feuer aus sehr gutem Grund streng tabu, und die belassen es nicht bei einem Lagerfeuer, es muß gleich mannshoch werden! Na, hoffentlich fangen sie nicht noch an, zu singen. Doch, sie tun's! Und legen Stämme auf, die wohl morgen noch glühen. Thomas und ich sind uns einig, daß uns nur die Sprachbarriere davon abhält, die Knirpse samt ihrer Aufsicht mal gründlich zusammenzustauchen, aber wenn man nicht mal die Sprache richtig spricht, macht man sich bei einer solchen Bande doch bloß lächerlich (schließlich waren wir auch mal jung). Wir sprechen mit einer Französin, die neben uns mit ihrer Familie zeltet, und sie ist genauso darüber erregt wie wir. Kraft ihrer Sprachfähigkeiten übernimmt sie den Part des Loswetterns, und das Feuer wird tatsächlich kleiner; der Funkenflug läßt nach.
|
Wir stehen gegen 07.15 auf, um festzustellen, daß die halbe Meute schon abgerückt ist. Der Rest setzt sich eine halbe Stunde später in Marsch; sie gehen in Richtung Incudine. Thomas' Feuerlöschkontrolle ergibt, daß sie ganze Arbeit geleistet haben; offenbar hat die Französin gestern genügend auf den Betreuer eingeredet.
Heute ist Waschtag, sowohl für mich als auch meine Kleidung. In der Nähe gibt es eine kleine Felsvertiefung, in der sich das Wasser eines kleinen Bachs etwas staut (für nach uns kommende: immer den Hinweisen 'poubelle' nach...). Zum Trinken würde ich es nicht unbedingt nehmen, aber zum Waschen taugt es allemal. Ich verwende dazu einen Topf vom Trangia und etwas Neutralseife, die Thomas unter dem Namen 'Outdoor-Seife' zu echten Outdoor-Preisen erstanden hat. Erstaunlicherweise geht der Mief sogar aus den Klamotten raus, ebenso der gröbste Dreck; von 'sauber' kann man allerdings nicht sprechen, aber wen interessiert das schon inmitten von sehr viel Nichts?
Wir machen uns auf den Weg zurück zu dem Halsabschneider (eigentlich sind es mehrere in einer Art Schichtbetrieb) am Fluß und frühstücken dort, was recht teuer aber nicht nur meiner Ansicht nach einem Müslifrühstück vorzuziehen ist.
Anschließend gehen wir das, was auf der Karte aussieht wie 4km mit 300Hm Anstieg, davon ein gutes Stück auf einem Bergrücken. Wir kommen zuerst durch eine Gegend, die unserem heimischen Wald zum Verwechseln ähnlich sieht, ebenso wie eine saftige Wiese, auf der Rindviecher und sogar Blumen stehen!
Und dann: peng, wieder in den Alpen. Unsere ebene Strecke auf dem Bergrücken entpuppt sich als die Tour der sieben 1800er. Der Weg läßt keinen Gipfel aus, und für die vielleicht 1,5km brauchen wir locker zwei Stunden. Die Strecke muß alpin genannt werden: man muß stellenweise klettern, und ein Kreuz weist unmißverständlich darauf hin, daß es nicht ganz so einfach ist, denn hier hat es vor ein paar Jahren einen Landsmann von uns gekostet. Einige Passagen sind so eng, daß wir mit unseren Rucksäcken echte Probleme kriegen, und mitunter muß man irgendwie 1,5m nach unten, wobei das 'unten' eine schiefe Ebene ist.
Dennoch, gegen 16.30 langen wir in drei Stücken (zu je einem Menschen mit Rucksack) auf der Usciolu Hütte in 1750m Höhe an; wir campen etwas unterhalb davon. Gleich nach der Ankunft wird verdientermaßen geduscht; was braucht der Naturfreak dazu mehr als Wasser und Sonne? Die 'Dusche' ist ein Bretterverhau, der nach drei Seiten hin abgeschlossen ist, nur nicht zu den etwa zehn Zelten im unteren Bereich des Campingplatzes; das erste ist etwa zehn Meter entfernt, und um diese Zeit herrscht reger Betrieb. Für die Dusche muß man zeitweise sogar anstehen, und es ist schon lustig weil ungewohnt, hier Männlein und Weiblein in trauter Eintracht wie von Gott geschaffen in einer Schlange stehen zu sehen. In einem Andrangsloch kommt dann unser Auftritt: das Wasser ist so kalt, daß man eh nicht drunter stehen bleibt, also macht sich einer naß, der andere seift sich ein, der dritte wartet auf seine 'time slice'. Alles in allem ein echtes und nasses Vergnügen, an dessen Ende wir uns sauber und erfrischt fühlen.
Nach uns macht doch tatsächlich ein junger Mann (etwa in unserem Alter) - zur allgemeinen Erheiterung - die Nummer mit der Badehose! Seine Verrenkungen, die dazu dienen, sich überall zu waschen, aber nichts zu exponieren, wirken wie ein Augenmagnet, zumal er eine knallrote Badehose trägt. Sicher hätte ohne dieses Leuchtsignal niemand hingeschaut; das hat er nun von seiner Genierlichkeit.
Die Freiluft-Wasseraktivitäten und der beschwerliche Weg haben uns hungrig gemacht; wir werfen den Kocher an, und natürlich gibt es Reis, diesmal in Ermangelung von Soßen mit Spargelcreme-Suppe, was sogar erstaunlich gut schmeckt. Allerdings kann man unsere diesbezügliche Objektivität durchaus in Zweifel ziehen, denn mit Hunger im Bauch schmeckt so ziemlich alles.
Der Gardien der Usciolu-Hütte bietet gekühlte Getränke an: Limo/Cola/Bier (Kronenbourg) 0,2/0,25l für 13 FF. Eine Pulle roter Landwein (ohne Etikett, 750ml) kostet 25 FF; wir genehmigen uns je ein Bier (oder besser das, was die Franzosen als Bier bezeichnen) und eine Flasche Wein. Seine Wurst für 50 FF kann er behalten; das ist mehr als der dreifache Ladenpreis!
Hier treffen wir die Radio-Gruppe wieder; weiß der Geier, wo die die letzte Nacht verbracht haben. Mittlerweile grüßen wir uns schon nur noch mit Handzeichen.
Nachts kommt Sturm auf, und ehe wir es merken, ist das Zelt voll Staub, denn der Platz um uns herum liegt voll davon. Schlimmeres verhindern wir dadurch, daß wir die Schotten dicht machen. Die Nacht ist laut und kalt; der eisige Wind heult etwas, und der gegen das Zelt prasselnde gröbere Sand sorgt für den gleichen akustischen Eindruck, den ein Regen machen würde.
|
Um circa 08.00 verlassen wir die Usciolu-Hütte. Wir steigen ab auf etwa 1500m, wo wir bei einem Einsiedler sogar Wasser finden. Eine Siesta verkneifen wir uns heute, in der Hoffnung, nicht nur bis zum Etappenziel Refuge Prati zu gehen, sondern gleich noch bis zum Col de Verde. Daraus wird allerdings nichts, denn unsere heutige Etappe entpuppt sich als beinhart. Nach einem in der Endphase echt derben Ansteig auf 2000m geht es immer 50Hm hoch und runter, bis wir mindestens 1000Hm zusammen haben... ich bin ziemlich fertig, als wir auf der Refuge Prati (1840m) ankommen, und schaffe die nächste Etappe heute ganz sicher nicht mehr.
Etwa zwei Stunden später kommt die Radio-Gruppe, also Handzeichen und grinsen. Eigentlich erstaunlich, wie gut die beiden Mädchen die Tour durchhalten; sie quasseln immer noch ohne Unterlaß.
Der Rest des Tages ist ereignislos; auch hier oben ist es sehr zugig und nach Sonnenuntergang saukalt. In unserem Zelt, das zwischen Rindviechern auf der Weide steht, verziehen wir uns früh in die warmen Schlafsäcke.
|
Irgendwann nach 08.00 gehen wir los; der Weg geht zunächst so 50Hm bergan. Dort erwartet uns bereits sehnsüchtig ein wirklich rauher Abstieg um immerhin 600Hm, den wir aber gut hinter uns bringen, obwohl die Knie davon nicht allzu begeistert sind. Wir sehen ein, daß Wanderstöcke vielleicht doch sinnvoll sind.
Noch vor 11.00 kommen wir nach Col de Verde, wo wir Rast an einer Kneipe machen, die Sandwiches anbietet - aus nichts als einem Drittel Flûtes und Schinken (Lonzu) oder Salami oder Käse für stolze 22 FF! Wir genehmigen sie uns trotzdem, denn wir haben nicht nichts richtiges gefrühstückt in der Erwartung, hier was besseres als Müsli zu kriegen (und natürlich auch, um unsere diesbezüglichen Vorräte zu schonen), aber dafür trinken wir halt nichts außer Wasser, und das gibt's am Brunnen reichlich und kostenlos.
Als wir mit unseren Sandwiches fertig sind, kommt die Radio-Gruppe. Nach der üblichen Handzeichen- und Grins-Begrüßung futtern sie sich durch einige Chipstüten und trinken auch einiges; offenbar spielt Geld für sie keine Rolex, denn beides ist hier wirklich teuer. |
|